2001, Juni – Gardasee & Schweiz
1. TAG
San Felice del Benaco. Parkhotel Casimiro. Der telefonische Weckruf klirrt durch das Zimmer und stört meinen verdienten Halbschlaf. Nach einem Tag sportlicher Höchstleistungen (die aber bei jedem drittklassigen Amateursportler nicht mal zu einer Pulserhöhung geführt hätten) möchten eigenlich alle ausschlafen. Aber die Abfahrtstermine der Busse stehen fest. Ich lasse mich soweit wie nötig von der Abfahrtshektik anstecken. Zwar fahre ich nicht mit den Bussen, aber bis zehn muss das Zimmer geräumt sein. Außerdem halte ich es für eine gute Idee, auch selber so früh wie möglich aufzubrechen. Erste Aufgabe: nichts im Hotel vergessen. Zweite Aufgabe: einen Kollegen zum Flugplatz Verona fahren. Eine einfache und relativ kurze Strecke, doch der Verkehr am Gardasee kriecht behäbig wie zähflüssiges Magma. Zumindest die Temperatur passt…
Gegen Mittag beginne ich dann die eigentliche Fahrt in Richtung meines Zieles: der Schweiz. Von der Route habe ich nur einen ungefähren Plan, irgendwie nach Nordwesten. Stunden später, am Lago Iseo bin ich dann reif für ein Bad, aber am ganzen See gibt es wohl keinen Strand. Noch später suche ich in Boario Terme die Badeeinrichtung, die dem Ort offensichtlich den Namen gab. Fündig werde ich erst einige Serpentinen später im Nachbarort Angolo Terme. Ein winziges Schwimmbecken, aber bei der Wärme besser als gar nichts. Ich frage mich, wozu der Eintrittskartenschalter da ist, wenn man doch vom Park aus auch so reinkommt. Extra für mich, auf meine irritierten Blicke reagierend rufen hilfsbereite Italiener der Kartenverkäuferin zu, dass sie die Dusche anschalten solle. Vielleicht ist das ja der Grund für das Kartenhäuschen. Etwas später lerne ich, dass das Schild an der Dusche wohl nicht besagte, man dürfe nicht mit Schuhen zum Becken, sondern auf die Badekappenpflicht hinwies. Was würde ich wohl alles verstehen, wenn ich italienisch könnte…
Schwieriger gestaltet sich die nun beginnende Suche nach Essen. Bei den „Ristorante“, die vertrauenerweckend sind, gibt es keine Parkmöglichkeit. Bei den anderen auch nicht. Bevor ich etwas nahrhaftes finde, erreiche ich die Grenze. Der italienische Posten fragt, ob ich Deutscher sei und bedeutet mir, ich könne weiterfahren. Ich fahre also weiter bis zum Schalterfenster. Dort spricht man französisch „Ça va“ (jedenfalls interpretiert mein ungeschultes Ohr das so). Der Unterton in der Stimme sagt aber deutlich „Hau endlich ab“.
Der schweizer Grenzposten ist gründlicher. Er kontrolliert auf’s genaueste meinen Ausweis – vielleicht hat er ja sogar Zugriff auf deutsche Meldecomputer? Als er zurückkommt, darf ich den Kofferraum öffnen und ihm meine Fotoausrüstung zeigen. Offenbar sind alle islamischen Terroristen blond, blasshäutig, habe einen deutschen Pass und reisen als Urlauber in die Schweiz. Ein geschickter Sprengstoffexperte hätte wohl einige Kilo Sprengstoff in eine Fotoausrüstung diesen Umfangs einarbeiten können, aber vorführen muss ich die Technik dann doch nicht.
Endlich in der Schweiz verbinde ich die Suche nach Essbarem mit der Suche nach einer Unterkunft. Irgendwann halte ich einfach an. Beim dritten Gasthof, den ich besichtige, verwickelt mich die Wirtin in ein Gespräch. Ich nehme also das Zimmer, laut Fabiennes Reiseführer ist der Preis für die Gegend günstig. Da ich morgen voraussichtlich weiterfahren werde, nutze ich das letzte Abendlicht für einige Fotos. Anschließend gönne ich mir etwas zu essen, kraule dem Haushund das Fell, beobachte die Schwalben, bewundere die Landschaft und habe zum Schluss über drei Seiten Text geschrieben.
2. TAG
Weisheit des Vortages: Zimmer mit Badewanne sind Kult. Seit ich eine Besenkammer mit Dusche bewohne, ist eine gefüllte Badewanne Luxus. Mit Eykalyptusheilbad dann fallen Weihnachten und Christfest zusammen. Aber sowas gibts nur zu Hause, im Hotel müssen Wasser und Seife reichen…
Feststellung des Morgens: Die Schweizer sind preußischer als die Preußen. Zum Frühstück ist die Sitzordnung bereits durch die Zimmernummer festgelegt.
Erkenntnis des Vormittags: Feuchte holprige Wiesen sind Gift für billige Sandaletten.
Einsicht am Mittag: Drei Filme sind auf der Zugfahrt nach St. Moritz recht schnell verknipst.
Hinweis zum frühen Nachmittag: Wolken in St. Moritz fotografieren ist ein Geduldsspiel.
Vers am Nachmittag: Bist weiß Du ständig wie ‘ne Wand – im Urlaub kriegst Du Sonnenbrand.
Spätnachmittagstheorem: Die Geschwindigkeit des Kellners ist nicht proportional zu den Preisen des Restaurants.
Vermutung des Abends: Welche Sprache man hier spricht, scheint von der Tageszeit abzuhängen. Und von der Flughöhe der Schwalben.
Fragen am späten Abend: Ist es Viehdiebstahl, wenn einem die Esel von der Weide nachlaufen? Und liegen in der Schweiz öfter Felsbrocken auf den Bahngleisen?
3. TAG
Verwirrung und angewandte Arithmetik: ich bestehe als alter Gewohnheitsknauser darauf, dass zwei mal 70 nur 140 sind und nicht 170. Aber am Ende einige ich mich mit der Pensionärin (oder wie man die Wirtin in einer Pension nennt).
Gerade noch mal davongekommen: am Ospizio Bernina verwarnt mich der Schaffner wegen illegalen Parkens. Naja, habe ja schließlich auch zwei Verbotsschilder ignoriert. Überhaupt werden in der Schweiz wohl nur Dinge für voll genommen, wenn wenigstens ein halbes Dutzend Ver- und Gebotsschilder dran kleben. Und das natürlich immer dreisprachig.
Mit fortschreitender Tageszeit nehmen ab: meine Navigationskünste, der Flüssigkeitsanteil in meinem Körper, der Wasservorrat in der Flasche, meine Geduld. Im Gegenzug nehmen zu: die Hitze, mein Hunger, der Berg verknipster Filme, der Flüssigkeitsanteil in meiner Kleidung, die Brandblasen auf meinen Armen (da ich nach Westen fahre, leidet besonders der linke Arm unter der Südsonne).
Tagesende: endlich habe ich Maienfeld gefunden. Fabiennes „Guide du Routard“ assoziiert, dass man über „Schlafen im Stroh“ quasi stolpern müsste. Doch erst nach langem Herumkreisen und Erkundigungen bei den Einheimischen finde ich den Hof. Hund, Esel und Katze bemerken meine Ankunft – nicht so die Eigentümer des Hofes und des laut spielenden Radios. Also blättere ich wieder im „Guide“ und lande im „Hirschen“. Als ich dort ankomme, wird gerade das „Belegt“-Schild aufgehängt. Aber glücklicherweise gibt es noch ein Einzelzimmer der Kategorie Jugendherberge – mit anderen Worten: Etagensanitäranlage.
4. TAG
Dunkle Wolken haben sich über Maienwald zusammengebraut. Grausige Geräusche reißen unseren Helden aus dem Schlaf. Mit kräftigen Schlägen verlangt das Böse Eintritt. Doch schon tritt der Held mutig nach draußen und erkennt: im Hotelflur wird Parkett verlegt. (Wir unterbrechen kurz für einen Kalauer: „Haste schon gehört? Die Meiers haben in ihrer Wohnung Parkett verlegt!“ „Und? Haben sie’s schon wiedergefunden?“) Der Lärm reicht jedenfalls nicht aus, um die Gewitterwolken zu vertreiben. Offenbar hat man hier nur die Wahl zwischen brütender Hitze und Gießkannenwetter. Zum Glück haben sich die Wolken langfristig über den Bergen angekündigt, so dass ich den „Hirschen“ noch trockenen Fußes erreiche. Ach ja – die Wanderung. Nichts außergewöhnliches, viel Gegend gesehen und geknipst. Mein neues Hobby: das Fotografieren fotografierender Japaner. Die haben ja einen „Heidi“-Fimmel und sammeln sich darum hier in Maienfeld. Schilder sind hier mit bis zu fünf Sprachen beschriftet: deutsch, italienisch, französisch für die Schweizer, japanisch für die Bevölkerungsmehrheit und englisch für den Rest. Sachsen zum Beispiel. Die trifft man irgendwie auch überall, wo sie dann an Opas neuer Videokamera verzweifeln…
Vorsicht übrigens, wenn Sie fotografierenden Japanern begegnen. Entweder bekommen Sie einen Fotoapparat in die Hand gedrückt und müssen den Besitzer vor einer Touristenattraktion knipsen (das kann bei einer Busladung Japaner ganz schön dauern) oder man entreißt Ihnen Ihren Apparat, um Sie vor irgendetwas abzulichten.
Auch weiß ich jetzt, woher der Rinderwahn kommt. Nein, nein, nicht von den knipsenden Japanergruppen. Aber müsste ich den ganzen Tag dieses ohrenbetäubende Gebimmel an meinem Hals ertragen, würde ich auch wahnsinnig werden. Und sieht das im Fernsehen nicht immer so aus, als würden die Kühe versuchen, sich die Ohren zuzuhalten und sich im Boden zu verkriechen?
Eben…
5. TAG
Fahren und fotografieren (natürlich immer abwechselnd): Pässe, Seen, tief hängende Wolken und weite Täler. Parkplatzsuche in Locarno – schlage mich jemand, falls ich mich jemals wieder über die Münchner Parkplatzsituation beschweren sollte.
6. TAG
Die Sonne ist wieder da. Locarno ist in mancher Hinsicht noch versnobter als etwa Münchens Nobelmeilen. Laufen (außer den Rucksacktouristen) fast nur römische Statuen rum, fitness-center-gestählt und von allen teuren Modezaren dieser Welt eingekleidet. Aber sonst ganz in Ordnung. Die Altstadt ist fotogen, der Seeblick ebenfalls. Nur komisch, die Frauen rauchen fast alle, noch schlimmer als hierzulande. Wahrscheinlich spielt sich das ungefähr so ab:
Ein weißer Saal: groß, riesig, eigentlich unendlich. Krankenhausatmosphäre, allerdings riecht es nicht nach Desinfektionsmittel, sondern nach Weihrauch. Alles ist von einem weißen Nebel überdeckt, von überall kommt helles Licht. In der Mitte von allem sitzt ER, an einem – wie sollte es sonst sein – weißen Schreibtisch. ER tippt etwas in SEIN Laptop, knurrt unwirsch und pafft an SEINER Zigarre, die mit ihrer graubraunen Farbe irgendwie nicht zu der weißen Umgebung passt. Von irgendwo aus dem weißen Nichts werden neue, noch körperlose Seelen gebracht. ER schiebt die Zigarre in den Mundwinkel und schaut väterlich herab: „Hömma Puppe, du willst also mit 18 den schönsten Knackarsch der Stadt haben, wa? Hömma, dat iss kein Problem. Aber: du musst natürlich was dafür tun, ok? Also, ich habe da ein paar Tabak-Aktien und so und das soll sich natürlich lohnen, du verstehst? Du wirst also gefälligst drei Schachteln täglich rauchen, klar? Oder du kannst den schicken Body in den Wind schreiben. So, ab mit dir. Die nächste!“
Ich habe den leisen Verdacht, in letzter Zeit hat ER auch in Telekommunikation investiert…
7. TAG
Huch, Bergfest. Ha – das ist witzig hier in der Schweiz… Habe mich heute planmässig Richtung Isola di Brissago eingeschifft. Naja, der Name klingt nach viel, das Eiland selber ist eher mickrig. Aber der botanische Garten hat was. Sind einige Filme durch die Kamera gewandert. Viel davon allerdings für Eidechsen. Bäh, sind die Viecher schnell, wenn sie Angst haben (und Eidechsen haben vor so ziemlich allem Angst, was groß ist und näher kommt). Ich hatte es schon befürchtet: auf der Insel ist das Essen teurer als auf dem Festland, die Portion war dann auch eher überschaubar. Ebenso überschaubar präsentiert sich die Bergkirche „Madonna del Sasso“. Vielleicht muss man ja gläubig sein, um in einem leeren Gemäuer (schließt um 19 Uhr und das Museum hat samstags zu – womit der schweizerische Pflicht zu Ver- und Gebot Genüge getan ist) den Holy Kick zu bekommen. Halleluja. Und über dem Kopf von Jesus nisten Tauben. Amen. Ok, die Kapellen mit den Heiligenfiguren waren interessant, aber mangels Licht, Stativ und Aufhellblitz nicht fotografabel. Story zum Schluss: gerade habe ich mich daran gewöhnt, dass man hier von deutsch über italienisch bis englisch so ziemlich alles versteht, da finde ich prompt das wohl einzige Ristorante, in dem das nicht so ist. Verhungert bin ich nicht, dafür muss ich jetzt für den Kellner einen Abzug vom Dia anfertigen.
8. TAG
Schon faszinierend, wie die lokale Bahngesellschaft es hinbekommt, einen besseren Umsteigebahnhof als geokulturellen Höhepunkt zu verkaufen. Ok, die „Centovalli“ als solche sind ziemlich in Ordnung. Perfekt wäre es gewesen, wenn weniger Bäume und Tunnel zwischen dem Zugfenster und der Landschaft gewesen wären. Domodossola liegt mit seinem Charme irgendwo zwischen Wanne-Eickel und Oer-Erkenschwick (nach dem Atomkrieg). Immerhin habe ich dort getroffen: einen oder zwei Bettler (mangels Italienischkenntnissen bin ich mir da nicht so sicher, war vielleicht derselbe) und einen unterbeschäftigten Wachhund Marke „Nimm-dich-in-acht-ich-habe-schon-mal-ganz-allein-einen-Knochen-vergraben“. Leider habe ich wohl zehn Minuten zu lang fotografiert, weshalb ich dann eineinhalb Stunden in dem Kaff vergammeln darf, ehe der nächste Zug nach Locarno fährt.
Langsam komme ich mit den Sprachen durcheinander. Beim Betreten eines Geschäfts grüße ich mit „Bona sera“, verhandele auf deutsch mit dem Verkäufer und verabschiede mich mit „Au revoir“… Aber im Gegensatz zu Rom versteht man hier so ziemlich alles, was auch nur andeutungsweise verbale Kommunikation ist. Wahrscheinlich sind hier alle Telepathen und die Geräusche mit dem Mund sind nur dazu da, damit das ganze nicht auffällt.
9. TAG
Fahrtag wie immer. Pässe, Schnee, Bergseen. Alle fünf Meter anhalten zum Fotografieren. Andermatt ist der Kulturschock schlechthin: der Landkarte und der Bekanntheit nach erwartet man eine Millionenstadt. Aus meinen bisherigen Erfahrungen mit der Schweiz weiß ich natürlich, dass es höchstens eine Kleinstadt sein kann. Tatsächlich ist es aber ein größeres Dorf. Aber nichtsdestoweniger: Schweizidylle pur, wie auf den Postkarten. Die Einheimischen sind echt witzig (vor allem des Dialekt wegen). Beim Essen im „Sternen“ wird mir dann gleich die Reiseplanung für die nächsten paar Tage abgenommen: „Das kannst Du weglassen, das ist nichts besonderes, schau die dir lieber dies und jenes an“…
10. TAG
Kauf von Filmnachschub in Andermatt – das Zeug ist hier zwei- bis viermal so teuer wie daheim. Jedenfalls ist hinterher das Bargeld alle und sämtliche Bankomaten behaupten mit Schweizer Standhaftigkeit, dass die Transaktion nicht möglich sei. Also rufe ich die Bank an und lasse die Limits heraufsetzen. Soll dann am nächsten Tag funktionieren – bin ziemlich gespannt. Tipp (wie schnell man sich an die neue Rechtschreibung gewöhnt) für alle Reisenden: so viele Karten wie möglich mitnehmen und auch zu jeder die Geheimnummer einprägen. Wenn eine Karte streikt, kann man dann zur nächsten wechseln. Jetzt weiß ich’s auch…
Am Nachmittag hole ich mir den obligatorischen Sonnenbrand – Wege führen in der Schweiz immer so, dass die am wenigsten eingeschmierte Stelle die meiste Sonne abbekommt. Auch weiß ich jetzt: 1. Die Andermatter Bevölkerung besteht zur Hälfte aus Japanern, zur anderen Hälfte aus Touristen, zur dritten Hälfte aus den Soldaten des Bergkampfgeschwaders (oder so) und der Rest sind Wirte. 2. Die schweizer Soldaten gewinnen mit Sicherheit jeden Kampf. Nicht etwa wegen des harten Trainings in den Bergen oder der modernen Ausrüstung, sondern weil sie etwas besitzen, was die anderen nicht haben: coole Sonnenbrillen…
11. TAG
Gerettet – die Geldautomaten spucken wieder Geld aus. Zwar fotografiere ich jetzt (ob der Filmpreise) sparsamer, aber trotzdem dauert es aufgrund der Fotopausen bis zum Abend, ehe ich Lausanne erreiche. Parkplatzsuche in Lausanne – schlage mich jemand, falls ich mich jemals wieder über die Parkplatzsituation in Locarno beschweren sollte. Erstaunlicherweise finde ich sogar die Kaserne, sorry – die Jugendherberge. Vielleicht sehen ja die kleineren Zimmer wohnlicher aus, der Achterschlafsaal jedenfalls hat nackte Betonwände und Stahlrohrbetten. Schön ist allerdings, dass die Stadt Lausanne extra wegen meiner Ankunft ein Feuerwerk veranstaltet. Ist es nicht schön, bedeutend zu sein?
12. TAG
Die Lausanner Innenstadt ist ganz ansehnlich. Inzwischen ist mir auch völlig klar, dass ich eigentlich in Frankreich bin. Mein Restaurantfranzösisch ist zwar um Längen besser als mein Restaurantitalienisch, aber trotzdem verbesserungswürdig. Immerhin kann ich „Oui“ schon so gut, dass ich hinterher auf offener Straße mit tausend komplizierten (und vor allem französischen) Wörtern erschlagen werde. Zum Glück kann ich wenigsten „Nix verstähn“ perfekt in Gebärdensprache…
Kulturtipp: „Musée de l’Art brut“ – steckt Picasso, Beus und Konsorten locker in die Tasche. Da es danach eh schon Abend ist, gehe ich zum Baden in die Schwimmhalle. Kategorie Aschersleben (25m-Becken). Ok, zusätzlich gibts hier noch ein paar Becken mehr, unter anderem ein Sprungbecken mit Drei-Meter-Brett, wo so verrückte Typen alle möglichen Flugübungen absolvieren und es darauf anlegen, sich beim kleinsten Fehler wichtige Knochen zu brechen.
Abends taucht dann am Restaurant ein „Pirat“ auf Inlinern auf und verkauft irgendwelche Magazine. Von den Worten, die er in seinen Bart nuschelt, verstehe ich zwar nur „Schönen Abend, schönes Wochenende, schöne Ferien“ (immerhin vier französische Wörter!), aber seine Show ist witzig.
13. TAG
Auch der Hafen von Lausanne hat was, das Strandbad auch (zum Beispiel einen Zehn-Meter-Turm – schüttel…). In dem Bad werde ich zwar fast „verhaftet“ (ok, in’s Büro geführt) wegen meiner etwas zu kommerziell wirkenden Fotoausrüstung (ok, eine EOS 50 mit Batteriepack und 28-80/2.8-4 macht schon was her *grins*). Ich werde aber wieder entlassen, als ich mit meiner allseitsbekannten Unschuldsmine den Urlaubscharakter meiner Fotos beteuere…
Abends ist der „Pirat“ wieder am Restaurant. Diesmal wird er irgendwie von den Kellnern zurechtgewiesen, offenbar hat er ein schlafendes Kind erschreckt oder so. Hinterher gönne ich mir noch die ersten Events des beginnenden „Festival de la cité“. Dort verliere ich quasi meine Persönlichkeit, also den Batteriefachdeckel meiner Uhr und fast noch die Batterie selber, so dass ich mindestens eine Woche lang temporal desorientiert sein dürfte. Aber mein Französisch wird besser. Am besten ist es, wenn rundherum so laute Musik gespielt wird, dass keiner merkt, welchen Unsinn ich rede. Noch ein Jahr hier, und ich verstehe vielleicht auch mal jemanden. Aber so richtig glaube ich das nicht, denn schneller als ich die Sprache begreife, erfinden die Einheimischen neue Wörter und bilden daraus ziemlich komplizierte Sätze aus drei Wörtern oder mehr.
14. TAG
Dunkle Wolken haben sich über Lausanne zusammengebraut. Tiefe Winterdepression befällt den sommerlichen Helden, entwickelt sich zu einer handfesten Reisemüdigkeit. Also sattelt er seinen treuen Mazda und begibt sich auf den Weg zurück nach München. Die letzten Bilder werden in Murten verknipst. Vorher suche ich in diesem besseren Dorf ewig nach einem Parkplatz – schlage mich jemand, falls ich mich jemals wieder über die Parkplatzsituation in Lausanne beschweren sollte. Viel mehr Zeit brauche ich aber, um die Durchfahrt durch Tuttlingen zu finden. Erst bei der sechsten oder siebenten Ortsumkreisung sehe ich zufällig den rettenden Wegweiser.
Was vom Urlaub bleibt? Etwa vierzig Filme, Ausschlafen bis zum nächsten Tag um 17 Uhr, Frühstück um 19 Uhr (wie schön, wenn einen die Kellner verstehen), Gepäckchaos in der Wohnung, ein Riesenhaufen „Futter“ für die Waschmaschine…


